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Leseprobe
Daniel Libeskind geht nicht vorrangig von bauästhetischen Vorstellungen aus. Ohnehin sieht er (oder sah er lange Zeit) die Architektur kulturgeschichtlich am Ende: »Das bloße Wort Architektur hat alles Ansehen verloren«, schrieb er. »Der gewöhnliche Architekt ist tot.« Diese Art von höhnischem Kulturpessimismus deckte sich mit Gedanken der gegenwärtig in Frankreich virulenten philosophischen Mode. Man nennt sie Dekonstruktivismus, und ihr bekanntester Vertreter, Jacques Derrida, ist zumal in den USA höchst populär. Dass Libeskind ihn gründlich zur Kenntnis nahm, scheint evident.
Libeskind entschloss sich, am architektonischen Aufbau Berlins nach dem Fall der Mauer teilzunehmen. Seine kulturphilosophisch begründeten Ansätze machten ihn im Kreis der hurtigen Praktiker um den damaligen Berliner Stadtbaudirektor Hans Stimmann zu einem schrillen Exoten. Der Zusammenstoß war unausweichlich, und als er geschah, auf öffentlichen Foren, bei publizistisch ausgetragenen Kontroversen um bestimmte Bauvorhaben, produzierte das eine Menge Aufsehen. Beim architektonischen Establishment Berlins galt Libeskind (hinter vorgehaltener Hand) als ein Hochstapler: Noch niemals habe er ein Haus gebaut, weil er das nämlich gar nicht könne, und bloß wegen seiner jüdischen Herkunft dürfe man ihm nicht so offensiv begegnen, wie man möchte und wie das eigentlich geboten sei.
Diesen fahrlässigen, wo nicht heimtückischen Einwänden steht das Projekt des Jüdischen Museums entgegen, für das Daniel Libeskind bereits 1989 den Zuschlag erhielt, lange vor dem Beginn jener Debatte.
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